Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen24. September 2026
Warum ist es so schwer, reich zu werden?
Alle Bürger müssen Kapitalisten werden
Milliardäre stehen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Sie werden bewundert, beneidet, angefeindet. Das ist nicht neu. »Robber Barons«, Raubritter, nannte man im späten 19. Jahrhundert John D. Rockefeller (Standard Oil), Andrew Carnegie (Stahl) oder Cornelius Vanderbilt (Eisenbahnen), Männer, die durch die Industrialisierung zu damals unvorstellbarem Reichtum gekommen waren. Und die der Gesellschaft viel zurückgegeben haben – auch aus Dankbarkeit für ihr Lebensglück: Universitäten, medizinische Stiftungen, Museen und Konzerthallen. Die Zeit der US-Oligarchen war auch die Zeit der Philanthropen. Sie waren Raubritter und Gutmenschen zugleich.
Heute gibt es wieder eine Elite schwerreicher Männer in Amerika. Verglichen mit Elon Musk (Tesla, SpaceX), Jeff Bezos (Amazon) oder Mark Zuckerberg (Facebook, WhatsApp) sind die Robber Barons des 19. Jahrhunderts arme Schlucker. Anders als damals betätigen sich die Milliardäre von heute weniger als Wohltäter für die Gesellschaft. Sie sind der Meinung, ihre Geschäftsmodelle trügen schon genug zur Verbesserung der Welt von morgen bei.
Reichtum per se ist moralisch nicht anstößig. Erst recht dann nicht, wenn das Vermögen aufgrund von Leistung erworben wurde. Für die Tech-Milliardäre von heute trifft das grosso modo zu. Ihr Vermögen haben sie im Wesentlichen selbst geschaffen. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, um wohlhabend zu werden.
Reichtum, das kommt hinzu, ist dann moralisch nicht anstößig, wenn jedermann im Prinzip die Möglichkeit hat, reich zu werden. Dass die Aufstiegschancen von vielfältigen kulturellen, sozialen oder genetischen Bedingungen abhängen, ist geschenkt. Der klassische Weg, reich zu werden, geht über die Arbeit. Durch Arbeit kommt man zu Einkommen. Wer sich redlich bemüht und früh zu sparen beginnt, hat irgendwann ein ordentliches Vermögen beisammen. Eine Gesellschaft, die Vermögensaufbau durch Arbeitseinkommen ermöglicht, nennen wir meritokratisch: gesellschaftliche Positionen werden nach individueller Leistung vergeben und nicht nach Herkunft, Erbschaft oder Korruption.
Meritokratie dauert länger
Im Prinzip ist der meritokratische Aufstieg auch heute noch möglich. Es macht freilich einen nicht geringen Unterschied, wie lange es dafür braucht. Und da gibt es ein Problem. Während die Einkommen (Löhne, Gehälter) seit Mitte der neunziger Jahre eher moderat gestiegen sind – etwa 30 Prozent in den westlichen Industriestaaten – haben sich die Vermögen (Finanzkapital, Immobilien) im selben Zeitraum verdoppelt. Die Folge: Wer ausschließlich durch Einkommen reich werden wollte, musste in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so lange sparen, um an ein entsprechendes Vermögen zu kommen als in den vorigen Dekaden. Oder genauer: um von Null in das oberste Vermögensquartil aufzusteigen dauerte es früher 20, inzwischen aber 40 Jahre. Die Daten stammen von der OECD-World Inequality Data Base und gehen davon aus, dass jährlich 15 Prozent des Einkommens zum durchschnittlichen Zinssatz der vergangenen 30 Jahre angespart wurde. Die Gründe für diese dramatischen Veränderungen liegen auf der Hand. Aktien- und Immobilienvermögen vermehrten sich im genannten Zeitraum enorm, die Arbeitseinkommen blieben dahinter deutlich zurück.
Das hat Konsequenzen: Während früher die Lücke zwischen Aufsteigern und Aufgestiegenen in einem oder zwei Jahrzehnten überwunden werden konnte, dauert es heute doppelt so lange: Wer mit 25 Jahren als Berufsanfänger zu sparen beginnt, erreicht erst mit 60 kurz vor der Verrentung ein Vermögen, das er früher schon mit 40 hatte. »Selbst ein Leben voller Streben bietet keine realistische Aussicht, das Gefühl zu haben, es geschafft zu haben«, schrieb der Daten-Analyst John Burn-Murdoch kürzlich in der »Financial Times«.
Der morgendliche Blick auf das Aktiendepot wird wichtiger als der Blick auf den Gehaltszettel. Untersuchungen zeigen, dass die Lebenszufriedenheit immer mehr vom Vermögen und immer weniger vom Einkommen definiert wird. Vermögen schafft Sicherheit und Freiheit, Arbeit dagegen Selbstachtung: Man kann auf seine Karriere stolz sein. Während der »Lohn« im ganz wörtlichen Sinn die Anerkennung für Leistung bemisst, hängt der Kursgewinn im Depot von völlig anderen Faktoren ab, die nicht von mir beeinflusst werden: Knappheiten am Immobilienmarkt, Gewinnerwartungen an den Börsen, die sich in den Preisen spiegeln. Der Zinseszins beim Vermögen führt zu dem bekannten Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Wer schon eine Million in einem breite gestreuten Aktien-ETF angelegt hat, für den bedeutet ein realistischer Kursanstieg von acht Prozent einen Vermögenszuwachs von 80.000 Euro im Jahr. Dafür muss ein deutscher Angestellter lange sparen. Kurzum: Wir leben kulturell weiterhin in einer Meritokratie, ökonomisch aber zunehmend in einer Vermögensgesellschaft.
Das kann man alles als gegeben hinnehmen. Denn niemand hat etwas Böses getan oder unmoralisch gehandelt. Was kann der Millionär dafür, dass sich Aktien und Immobilien besser entwickeln als Arbeitseinkommen? Doch auf Dauer bekommt eine Gesellschaft ein Motivationsproblem, wenn das Aufstiegsversprechen durch Einkommen nicht mehr gilt, oder genauer gesagt: sich extrem verzögert.
Die gute alte christliche Soziallehre
Was kann man tun? Die klassisch sozialistische Position heißt: Vermögen – nicht nur Kapitalerträge – müssen deutlich stärker besteuert werden als Einkommen. Der französische Ökonom Thomas Piketty will extreme Vermögen mit einer progressiven jährlichen Vermögensteuer abschmelzen; in seinen radikalsten Modellrechnungen reichen die Steuersätze für gigantische Vermögen bis zu 90 Prozent. Eigentum soll gewissermaßen »temporärer« werden. Das würde gewiss zum Ziel führen, aber um welchen Preis? Ins Eigentum der Menschen würde konfiskatorisch eingegriffen, was einer freien Gesellschaft unwürdig ist. Zwar würde die Karriere- und Einkommensmotivation steigen, die Motivation, Vermögen zu bilden, ginge indessen rapide zurück, wenn der Erfolg fast zur Gänze dem Staat anheimfällt.
Die bessere Alternative zur Umverteilung heißt: Die Vermögensbildung der Nichtvermögenden fördern. Das ist eine Lösung, die im 20. Jahrhundert insbesondere von der christlichen Soziallehre vertreten wurde. Wenn das Kapital mehr Rendite abwirft als die Lohnarbeit – dann müssen Arbeiter eben zu Kapitalisten werden und breit am Produktivvermögen beteiligt werden. Die von der deutschen Rentenkommission vorgeschlagene kapitalbasierte Altersvorsorge ist ein erster Schritt. Zusätzlich könnten Arbeitnehmer oder ihre Gewerkschaften tarifliche ETF-Sparpläne aushandeln, die den Vermögensaufbau beschleunigen.
Die Antwort auf die neue Vermögensgesellschaft wäre dann nicht weniger Kapitalismus, sondern mehr Kapitalisten.
Rainer Hank
