Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
30. März 2026Der Cem und die schwäbische Oma
30. März 2026Der Enkeltrick
17. März 2026Wir steigern das Bruttosozialprodukt
17. März 2026Das Spiel ist aus
25. Februar 2026Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung
25. Februar 2026Nachruf auf die Chauffeur
13. Februar 2026Freie Rede
13. Februar 2026Was heißt da spätrömische Dekadenz?
02. Februar 2026Tax the rich
02. Februar 2026Frommer Neoliberalismus
12. August 2025
Wohltemperiert
Warum Klimaanlagen ein Segen für die Menschheit sind
Den Sommer 1982 verbrachte ich in New York City, zum ersten Mal in meinem Leben in Amerika. Was jeder weiß, ich aber, aus Old Europe kommend, nicht wusste: Juli und August sind in Manhattan unerträglich heiß mit Temperaturen über 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit bis zu 80 Prozent. Cathy, die Freundin, bei der ich untergekommen war, hatte guten Rat: Bei solchen Temperaturen müsse man tagsüber ins Kino gehen. Alternativ kommen auch Shopping Malls in Betracht, oder die Kaufhäuser. Im luxuriösen Bergdorf Goodman an der 5th Avenue fühlte es sich besonders kühl an.
Was wären wir ohne die Klimaanlage! So etwas zu behaupten, ist nicht ohne Risiko. Früher hieß es, die Dinger seien gesundheitsschädlich, weil sie den Menschen abrupte Temperaturschocks zumuten: draußen über 30 Grad, drinnen unter 20 Grad. Das halte kein Organismus aus, Erkältungskrankheiten seien noch das geringste Übel, mit dem zu rechnen sei. Als ein Kollege in den neunziger Jahren in Frankfurt sein Auto mit einer damals noch sehr teuren Klimaanlage ausrüsten ließ, haben wir ihn angestarrt, als wolle er in die Sahara auswandern.
Heute gilt das Air Conditioning (AC) als wichtiger Treiber der Erderwärmung: Individuell kühlen wir uns ab, kollektiv wird es nur noch wärmer, weil die Abluft heiß nach draußen bläst. Vom CO2–Fußabdruck und den seit FCKW skeptisch beäugten Kühlmitteln ganz abgesehen.
Singapurs Erfolgsgeheimnis
Kein Wunder, dass Europa bis heute als Klimaanlagenmuffel gilt und das auch noch als Tugend vor sich herträgt. Während Wohn- und Bürogebäude hier zwischen 10 und maximal 30 Prozent klimatisiert sind, sind es in den USA 90 und in Singapur sogar 100 Prozent. Apropos Singapur: Der Gründungsvater des Stadtstaates nannte Airconditioning den entscheidenden Faktor für das dynamische Wachstum Singapurs (daneben nannte er die Toleranz einer multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaft). Früher war die tropisch-sumpfige Gegend praktisch unbewohnbar.
Lee ging noch weiter als er von der Klimaanlage als »Signalerfindung der Menschheit« sprach: Sie zieht beachtliche Produktivitätsfortschritte zur Folge. Nachweislich lässt die Arbeitsleistung der Menschen schon bei Temperaturen über 25 Grad nach. Das führte zur Erfindung der Siesta und der Notwendigkeit, entweder früh auszustehen oder spät zu arbeiten – oder beides.
Die Differenz zwischen dem wohltemperierten Norden und dem heißen Süden hat viele Jahrhunderte zur weltweiten Ungleichheit der Nationen beigetragen: Hitze, so meinte Montesquieu im 18. Jahrhundert, mache den Körper schlaff und den Geist feig und träge, rege aber auch die Phantasie und die erotische Begierde an. Kälte dagegen mache straff, stark und kühn, gesetzestreu und phantasielos, aber auch relativ unempfindlich gegen sinnliche Reize. So lese ich es in einem schönen Essay der Kulturwissenschaftlerin Eva Horn über die »Zähmung des Klimas als Projekt der Moderne« in der Zeitschrift »Sinn und Form« 2015. Eine moderne ökonomische Weiterentwicklung von Montesquieus Klimatheorie findet sich bei Daron Acemoglu, einem Wirtschaftshistoriker und Ökonomienobelpreisträger: England als Kolonialmacht habe in gemäßigten Klimazonen (Nordamerika, Australien) Wert darauf gelegt, rechtsstaatliche und demokratische Institutionen zu implementieren (»inklusiv«), während afrikanische Kolonien gut dafür waren, ihre Rohstoffe auszubeuten (»extraktiv«). Die Wohlstandsdifferenzen zwischen heißen und kühlen ehemaligen Kolonialstaaten sind bis heute eindrucksvoll.
Wenn man will, könnte man die Erfindung der Klimaanlage also als Instrument der Egalisierung zwischen Arm und Reich beschreiben. Inzwischen gibt es Forschungen, die zeigen, dass Klimaanlagen viele Leben retten. Den entsprechenden Aha-Effekt verdanke ich meiner Lieblingskolumne »Data Points« in der Financial Times. Es geht um das Phänomen der Hitzetodesfälle. Vergleicht man europäische und amerikanische Städte mit ähnlichen Durchschnittstemperaturen – also zum Beispiel Barcelona und Los Angeles oder London und Portland oder Rom und Sacramento -, dann zeigt sich, dass das Sterberisiko in Europa bei heißen Temperaturen um ein Vielfaches höher ist als in den USA. Zwischen 2000 und 2019 verloren durchschnittlich 83 000 Europäer jährlich hitzebedingt ihr Leben, verglichen mit 20 000 Nordamerikanern. Das zeigt: Der Mensch ist nicht für Temperaturen über 30 Grad geschaffen – es sei denn, er schläft mit einer Feuchtigkeit und Hitze dimmenden Klimaanlage.
Hoffen auf die Ingenieure
Europäische Moralisten oder auch Zyniker könnten dagegenhalten, dass die Kühlzurückhaltung des alten Kontinents eben der Preis sei, der zu entrichten sei, um die Klimaziele zu erreichen. In heißen Ländern kann der Anteil des Strombedarfs im Sommer auf über 50 Prozent des Spitzenstrombedarfs steigen. Das ist in der Tat nicht schön, klimapolitisch. Aber das muss auch nicht so bleiben: Wenn der Strom der AC-Anlagen aus erneuerbarer Energie (oder – horribile dictu – Atomstrom) gewonnen wird, dann ist selbst klimapolitisch nichts dagegen einzuwenden. Das Schöne daran ist, dass die Klimaanlagen besonders dann gebraucht werden, wenn die Sonne scheint und auch viel Solarenergie erzeugt wird.
Zugleich behalte ich mein unerschütterliches Vertrauen in die Erfindungskunst der Ingenieure. Inzwischen ist von Wärmerückgewinnung die Rede als cleverem Energiesparprinzip. Wenn ich es mit meinem Laienverstand einigermaßen verstanden habe, soll verhindert werden, dass warme Innenluft nach draußen gepustet wird – wir sehen die unschönen Apparate an den Außenwänden Manhattans vor uns -, wobei viel Energie verloren geht. Das System der Wärmerückgewinnung entzieht der Luft die Wärme und verwendet sie wieder als Energie. Im Winter kann ein solches System sogar das Heizen unterstützen, im Sommer hilft es, weniger Strom zu verbrauchen, weil vorhandene Energie effizienter genutzt wird. Das mag auch der Grund sein, warum »Carrier«, Platzhirsch der AC-Industrie mit einer Marktkapitalisierung von 54 Milliarden Dollar, im Jahr 2023 das Heizungsunternehmen Viessmann übernommen hat.
Klimaanlage und Heizofen verschmelze immer mehr zu einem System. Und alles werde »smart«, so wird uns versprochen: AC erkennt, ob ich im Raum bin, und kühlt auf meine Lieblingstemperatur runter. Verlasse ich den Raum, schaltet es automatisch ab. So etwas hatte uns gefehlt, als wir Mitte Juli eine Woche ein Haus in Südfrankreich gemietet hatten (draußen durchschnittlich 30 bis 35 Grad). Die leider noch nicht smarte Fernbedienung mit einer Vielzahl an Symbolen hat uns vollkommen überfordert. Die Gebrauchsanleitung – 236 Seiten – leider auch. Aber, wie gesagt, bald wird alles anders und smarter.
Rainer Hank
09. August 2025
Demokratie-Industrie
Der soziale Zusammenhalt verschlingt viel Geld
Der Deutsche Dom am Berliner Gendarmenmarkt heißt nur Dom, ist aber keiner. Das Anfang des 18. Jahrhunderts errichtete Gebäude fungiert als Museum. Seit 2002 beherbergt es die Ausstellung des Deutschen Bundestages »Wege, Irrwege, Umwege. Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland«. Auf fünf Etagen und knapp 2000 Quadratmetern sollen alle wichtigen Etappen zur Entstehung, Entwicklung und Festigung des demokratischen Systems in der Bundesrepublik beleuchtet werden, so der Anspruch.
Auf die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie können wir Deutschen stolz sein. Schön, dass sie mitten in Berlin so anschaulich erzählt wird. Freilich nicht nur da. Demokratieprojekte vermehren sich hierzulande inflationär. In Frankfurt zum Beispiel, wo ich normalerweise lebe, wird gerade so etwas Ähnliches wie in Berlin ausgedacht: In unmittelbarer Nähe der Paulskirche (Achtung: Wiege der Demokratie!) soll ein »Haus der Demokratie« entstehen, das zu einem »lebendigen Ort des Miteinanders« werden soll. Das geht alles seinen sozialistischen, pardon: demokratischen Gang. Erst gibt es eine hochkarätige und vielköpfige Bund-, Länder-, Kommunen-Expertinnenkommission, die einen Enquetebericht verfasst, selbstverständlich mit interdisziplinärer wissenschaftlicher Begleitung. Es folgt der Ideenwettbewerb, abermals mit interdisziplinärem Planungsteam (Budget: 855.000 Euro). Dann kommt ein Wettbewerb und – wenn alles gut geht – der erste Spatenstich im Jahr 2028. Wir werden darauf zurückkommen.
Mein Versuch, einen Überblick über die Anzahl der Demokratieförderprojekte, das Gesamtbudget und die Evaluierungsergebnisse zu gewinnen, führt ins Dickicht der Unübersichtlichkeit. Zum Glück gibt es ChatGPT, mein KI-Freund und Helfer. Doch auch er hisst bald die weiße Fahne. Es existiere »eine Vielzahl von Initiativen, die von öffentlichen Stellen, privaten Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen getragen werden«, schreibt die Maschine. Das Spektrum, so weiter, reiche von »bundesweiten Programmen über Landesinitiativen bis hin zu lokalen Projekten und zivilgesellschaftlichem Engagement«. Die Krönung ist das »Gesetz zur Stärkung von Maßnahmen zur Demokratieförderung, Vielgestaltigkeit, Extremismusprävention und politischer Bildung«. Das hat es immerhin bis zu einer ersten Lesung im Deutschen Bundestag geschafft. Dann folgte das etwas abrupte Ende der Ampel.Hier Beispiele aus der Demokratieföderlandschaft in Bayern: »Für alle mit Herz und Verstand« möchte Menschen dazu bewegen, wählen zu gehen. Die freikirchliche Initiative »Kreuz setzen« (man achte auf die Doppeldeutigkeit) dekretiert, Christen hätten eine besondere Verantwortung, für eine starke Demokratie einzustehen. Und zur Wahl zu gehen. Ob es im Sinne der Initiatoren war, dass die bayerischen Wähler bei der vergangenen Bundestagswahl die AfD zu zweitstärkste Kraft krönten, bezweifle ich. Wir hätten noch (immer noch Bayern) das »Bündnis für Toleranz«, das »Landesdemokratiezentrum Bayern«, den »e.V. Mehr Demokratie« und den Bayerischen Forschungsverbund »Zukunft der Demokratie« im Angebot.
»Demokratie leben« ist teuer
Viele Initiativen kosten viel Geld. Der Versuch, ein Gesamtbudget der Demokratieprojekte zu beziffern, scheitert ebenfalls. Klar ist nur eines: Es wird Jahr für Jahr mehr Geld ausgegeben. Das Bundesfamilienministerium (inzwischen mit dem Bildungsministerium fusioniert) verteilte unter dem Titel »Demokratie leben« im vergangenen Jahr 182 Millionen Euro. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 40 Millionen, 2020 dann schon 115 Millionen. Im Abgreifen dieses Geldes besonders erfolgreich ist die Amadeu Antonio Stiftung (»Demokratie braucht Rückenwind«): 2018 stammten 2,7 Millionen der insgesamt ausgegebenen 4,3 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln. Inzwischen hat sich das Budget der Stiftung auf 12,3 Millionen Euro verdreifacht (davon stolze 9,1 Millionen aus dem staatlichen Haushalt). Auch andere große Stiftungen, allen voran Bosch und Hertie, lassen sich nicht lumpen: Das Projekt »Mitmachen. Demokratie stärken« der Hertie-Leute verzeichnet im Jahr 2023 verausgabte Projektmittel von 858.000 Euro; 2019 nannte der Geschäftsbericht zum selben Posten lediglich 117.000 Euro. Zumindest also ein Ausgabenerfolg.
Aber ist es auch ein Erfolg für die Demokratie? Das bleibt im Dunkeln. Erfolgskontrolle gibt es wenig. Noch nicht einmal Klärung darüber, was ein Erfolg wäre. Das Millionenprojekt des Bundes nennt es einen Erfolg, dass »Demokratie leben« verstetigt wird. Ewigkeitskosten für den Steuerzahler. Dass der Erfolg nicht messbar ist, liegt auch daran, dass man sich meist nicht damit aufhält zu definieren, was unter Demokratie verstanden werden soll. Stattdessen begnügt man sich mit der in fast allen Projekten identischen Prosa des »Miteinanders«, des »sozialen Zusammenhalts« oder der »demokratischen Zivilgesellschaft«. Der Philosoph Theodor W. Adorno hätte so etwas den »Jargon der Eigentlichkeit« genannt. Der Jargon suggeriert Bedeutung, ohne wirklich inhaltlich klar zu sein. Man könnte auch von einer MeToo-Bewegung sprechen: Alle machen irgendwie das Gleiche.
Design for Schwachsinn
Eigentlich müsste man im Sinne der Demokratie-Aktivisten annehmen, der Erfolg müsse sich daran messen, dass die Stimmen für die (mutmaßlich) antidemokratische AfD schrumpfen. Doch das ist bekanntlich nicht der Fall. Bei der letzten Bundestagswahl stimmten knapp 21 Prozent aller Wahlberechtigten für die blaue Partei. 2013 waren es 4,7 Prozent. Wachsende Wählerstimmen für die AfD und wachsende Geldmittel für die Demokratiefreunde korrelieren. Letztere finden das kein Scheitern. Im Gegenteil: Sie leiten aus der wachsenden Zustimmung für die AfD den Anspruch auf noch mehr Geld zum Kampf für das Miteinander ab. Das nenne ich das Erfolgsparadox des Kampagnenmisserfolgs. Würden die Demokratiefeinde weniger werden, wäre das Geschäftsmodell der Demokratie-Aktivisten gefährdet.
Solange immer noch mehr Geld für den »sozialen Zusammenhalt« ausgelobt wird, wird es auch abgerufen, selbst dann, wenn mit Biegen und Brechen ein Zusammenhang zum sozialen Zusammenhalt konstruiert werden muss. Frankfurt zum Beispiel wird 2026 »World Design Capital«. Und wie heißt das Motto? Richtig: »Design for Democracy«. 21 Millionen Euro sind geplant; der Rest ist Schwafeln und Raunen. Da kennen die Kreativen nichts, planen einen »Kiosk of Solidarity«, gestaltet von der »Lustaufbesserleben GmbH«.
Von den Designern ließe sich lernen: Warum sollte DHL, vormals Deutsche Post, ihre vielen Packstationen nicht als »Stätten des demokratischen Miteinander« vermarkten? Die »sozialen Netzwerke« (X, Facebook & Co.) täten gut daran, sich zeitgeschmacksgerecht als »sozial-demokratische Netzwerke« zu präsentieren. Und das Fitness-Studio könnte nicht mit »Blut, Schweiß und Tränen«, sondern »Gemeinschaft, Kraft und Freude« werben. Weitere Vorschläge nimmt das Bundesfamilienministerium entgegen. Geld ist da.Rainer Hank
09. August 2025
Schlank werden
Warum sich Kosten-Nutzen-Erwägungen lohnen
Es ist schon eine Weile her, dass mir eine Bekannte beim Lunch stolz vorrechnete, wie wenig Weight Watcher-Points sie dieses Mittagessen koste. Das mache sie glücklich, weil sie schon eine große Punkte-Portion ihres Budgets an diesem Tag verbraucht habe. Und es war erst Mittagszeit.
Ich hatte damals nur Bahnhof verstanden, aber auch keine Lust, mir diesen Punkte-Kauderwelsch erklären zu lassen. Nachdem es in den vergangenen Wochen immer wieder Meldungen gab, Weight Watcher müssten Insolvenz anmelden, fing ich an, mich für die Gründe zu interessieren. Und dazu könnte es hilfreich sein, das Point-System zu verstehen.
Für Leser, die – wie man früher sagte – kein Figur-Problem haben, hier eine kurze Nachhilfe: Die Weight Watchers (deutsch vielleicht: Gewichtskontrolleure) wurden 1963 im amerikanischen Bundesstaat New York von der Hausfrau Jean Nidetch gegründet und sind mittlerweile in rund 30 Ländern vertreten. 1970 führten Irmgard und Walter Mayer das erste deutsche Weight Watchers-Treffen in ihrer Düsseldorfer Wohnung durch. 2012 waren es über 300.000 Teilnehmer deutschlandweit. Großes Glück hatte die Gemeinde, als im Jahr 2015 die Star-Moderatorin Oprah Winfrey über 40 Millionen in das Unternehmen investiert hatte, was den Aktienkurs in ungeahnte Höhen trieb. Zumindest eine Zeitlang.
Das Konzept basiert auf zwei Prinzipien. Es gibt wöchentliche Gruppentreffen der Abnehmwilligen, eine Art Tupper-Party, bei denen Erfahrungen ausgetauscht, über gesunde Ernährung informiert und die jeweiligen Erfolge auf der Waage (!) überprüft werden. Die Gruppenleiterinnen haben ebenfalls mit Weight Watchers abgenommen und ihr Wunschgewicht erreicht. Die Hoffnung ist, dass der Gruppendruck disziplinierend wirkt und die Leiterinnen eine Vorbildfunktion haben mit entsprechender Glaubwürdigkeit: Man sieht ihnen sozusagen die Wirksamkeit der Methode an. Jedenfalls in der Theorie.
Ökonomisierung des Essverhaltens
Jetzt kommen die WW-Points ins Spiel. Die funktionieren so: Jedes Lebensmittel hat eine Punktzahl. WW-Mitglieder bekommen täglich ein persönliches Punktebudget zugewiesen – abhängig von Gewicht, Größe, Alter, Geschlecht, Aktivität und Abnehmziel. Zusätzlich gibt’s ein Wochenextra für kleine Lustevents (Restaurantbesuche, besondere Anlässe). Gesättigte Fette oder Zucker erhöhen die Points; Ballaststoffe und Eiweiß senken sie. Gemüse und Obst haben 0 Points. Das signalisiert: Du kannst Dich satt essen, ohne Dein Budget zu belasten. Hört sich alles ziemlich kompliziert an, ist es auch, wird aber im Zeitalter der Digitalisierung durch eine App überwacht.
Man kann WW als die perfekte Ökonomisierung des Essverhaltens beschreiben. Ökonomisierung ist für mich, anders als für viele Zeitgenossen, nichts Negatives. Es beschreibt die utilitaristische Basisfrage, die wir Menschen an alles, was wir so treiben, anlegen: »Was kostet’s, was bringt’s?« Es gibt nie einen absoluten Nutzen, stets ist der Nutzen abhängig von den Kosten, die uns die Wahl abverlangt, also dem Preis. Kosten-Nutzenabwägungen treffen wir nicht nur beim Kauf von Kartoffeln oder einer neuen Immobilie, sondern auch bei der Partnerwahl oder eine Spende für die Caritas. All jene, die sagen, bei der Liebe oder der Barmherzigkeit dürfe die schnöde Ökonomie keine Rolle spielen, wollen meist nur nicht wahrhaben, dass sie unbewusst den subjektiven Wert einer Lebensentscheidung wägen und fragen, welchen Preis sie dafür entrichten müssen. Kosten rechnen sich nicht nur monetär in Geld, können auch in Zeit oder emotionaler Energie entrichtet werden.
Zurück zu unseren Weight Watchern. Das Point-System rationalisiert und quantifiziert unser Essverhalten. Es verhindert, dass wir uns durch den Tag futtern und beim Mittagessen schon verdrängt haben, dass es zum Frühstück zwei Spiegeleier mit Speck gab. Natürlich darf jeder Eier mit Speck frühstücken – bloß nicht, wenn er abnehmen will.
Wenn das alles so genial ist, warum stehen die Weight Watcher dann heute am Abgrund? Das Insolvenzverfahren läuft, die Aktie ist auf Pennystock-Niveau, Oprah Winfrey ist längst ausgestiegen. Die Antwort heißt: Abnehmen geht neuerdings zu (vermeintlich) geringeren Kosten, nämlich mit der Abnehmspritze. Während die Weight Watcher bei konsequenter (!) Nutzung und Einhaltung des WW-Budgets nach einigen Monaten einen Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent zuwege bringen, leisten die neuen Wunderspritzen im selben Zeitraum Abnehmerfolge von 15 Prozent (Ozempic) bis sogar 20 Prozent (Tirzepatid). Freilich ist die Angelegenheit auch erheblich teurer: Die Spritze kostet 300 Euro im Monat, als Premium-Mitglied bei den Weight Watcher werden monatlich knapp 35 Euro fällig. Warum steigen dann so viele adipöse Menschen auf die Spritze um? Vermutlich deshalb, weil das Medikament scheinbar von alleine wirkt, keine Verhaltensänderung und kompliziertes oder frustrierendes Punkte-Zählen kostet. Ozempic verlangt im wahrsten Sinne weniger. Ob später Kosten für Nebenwirkungen dazu kommen, wissen wir noch nicht. Dazu sind die Medikamente zu neu und nicht langfristig erprobt. Rückfällig werden kann man jedenfalls bei beiden Methoden, wenn man das Verfahren absetzt.Ozempic oder Weight Watcher?
In der britischen »Time« berichtet eine Betroffene von ihrer Zeit bei Weight Watchers vor 18 Jahren, als sie nach der Geburt ihres Kindes Gewicht verlieren wollte. Sie beschreibt die wöchentlichen Treffen als erfolgreiche Erfahrung. Nach einem Jahr hatte sie knapp 20 Kilo abgenommen, doch im Laufe der Zeit nahm sie wieder zu. Im vergangenen Jahr wechselte sie zur Abnehmspritze und verlor in nur acht Monaten 22 Kilo. Sie schreibt, dass diese Methode einfacher sei als Punktezählung und wöchentliche Treffen. Die Spritze nehme einfach das Hungergefühl, was deutlich bequemer sei, als ständig die Ernährung zu kontrollieren. Ganz abgesehen von der Demütigung, im Kreis der Weight Watcher sich wiegen zu lassen – und womöglich versagt zu haben. Es könnte sein, dass die Weight Watcher sich überlebt haben.
Werden die Dicken demnächst von der Bildfläche verschwinden, weil alle sich die Spritze geben? Wohl kaum. Schon deshalb nicht, weil nicht jedermann sich die 300 Euro monatlich für Ocempic & Co. leisten kann und die Kassen nur die Kosten der wirklich Schwerkranken übernehmen. Aber noch genereller: Allem Körperkult und allem Schlankheitsideal zum Trotz nimmt die Zahl der Dicken weiter zu. Schätzungen der World Obesity Federation zufolge wächst der Anteil der Übergewichtigen an der Weltbevölkerung im Jahr 2030 auf über fünfzig Prozent; bei den Kindern werden es mehr als 30 Prozent sein. Heute sind es 46 Prozent der Erwachsenen und 28 Prozent der Kinder. So viel Ernüchterung zum Kostennutzenkalkül der Fastengemeinde muss sein.
Rainer Hank
05. August 2025
Booster-Boomer
Wie die Reichen Wohnraum für andere schaffen
In Hofheim am Taunus werden schicke Mehrfamilienhäuser gebaut. Der Quadratmeter einer solchen Wohnung kostet um die 8500 Euro.
Trägt das zur Linderung unserer Wohnungsnot bei? Und entsteht hier »bezahlbarer Wohnraum«? Viele Zeitgenossen würden das als blanken Hohn bezeichnen. Eher wäre es der Beweis des Gegenteils: Im Umkreis großer Städte können nur noch die Reichen sich Wohnraum leisten.Alles hängt von der Definition von »bezahlbarem Wohnraum« ab, einem Kampfbegriff im politischen Streit um die Wohnungsnot in Deutschland. Die schlichte – vermutlich vielen abermals zynisch erscheinende – Definition wäre: Bezahlbarer Wohnraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen da sind, die bezahlen. Es hängt von der Zahlungsbereitschaft der Käufer ab, ob ihnen der Preis die gebotene Leistung wert ist.
Die Projektentwickler, die die Wohnungen in Hofheim an neue Eigentümer bringen wollen, vermelden eine hohe Nachfrage. Okay, es wäre ziemlich unklug, sie würden ihre Objekte schlechtreden. Hofheim ist ein Satellitenstädtchen von Frankfurt, gut mit Autobahn und Öffentlichen an die Mainmetropole angebunden, indes weniger nobel als Königstein oder Bad Homburg. Die Durchschnittspreise für Neubauten liegen laut »Immoportal« in Hofheim bei 5000 bis 7000 Euro. 8500 Euro sind absolutes Luxussegment.
Wer hat so viel Geld, wer kauft solche Wohnungen? Ich treffe Karl Greiner, einen Bekannten. Er ist Geschäftsführer und Miteigentümer der Firmengruppe Weiß, einer Immobilienfirma, und engagiert sich im Verband Freier Immobilienunternehmen. Greiner nennt seine Zielgruppe »Empty Nester«. Das sind Paare, deren Kinder aus dem Haus sind. Meine Annahme, dass es sich um Fünfzigjährige handele, ist falsch. Eher seien es 60– bis 80–jährige – also eine Kohorte der Babyboomer, geboren zwischen 1945 und 1965, die im Frieden gelebt haben und vom Wirtschaftswunder profitieren. Keine Multimillionäre, lediglich erfolgreiche Bürger, die ordentlich verdient und häufig noch geerbt haben. Man leistete sich ein großzügiges Haus mit Garten, sagen wir so um die 400 Quadratmeter.Das Haus wird zum Klotz
Gewiss, die »Kinder« sind schon länger aus dem Haus. Doch der Veränderungsprozess braucht Zeit. Lange soll alles aussehen wie früher: Jederzeit dürfen die erwachsenen Kinder nachhause kommen, das Jugendzimmer soll keinesfalls angetastet werden. So wollen es die Kinder, aber auch die Mütter. Das kann gut und gerne zehn Jahre dauern. Doch langsam wird den von den Kindern verlassenen Eltern das Haus zum Klotz, der Garten zur Plage – Freunde und Verwandte kriegen Unmengen an Obst oder Eingemachtem geschenkt. Nicht zu übersehen ist der Renovierungsbedarf, Stichwort »energetische Sanierung«. Irgendwann, meist an Weihnachten im Gespräch mit den Kindern, fällt dann die Entscheidung: »Wir wollen das Haus verkaufen.« Es ergeht ein Ultimatum an die Kinder, nun endlich das Jugendzimmer zu räumen. Vielleicht darf die erste Gitarre des Sohnes bleiben – im Keller der neuen Wohnung.
Aber was ist die Alternative? Das Schreckenswort für diese agile Generation 60plus heißt »betreutes Wohnen«. Viel zu früh! Das ist die Stunde von Karl Greiner und seinen Leuten. Sie bauen diese luxuriösen Mehrfamilienhäuser in Hofheim. Nachverdichtung in bereits als Bauland ausgewiesenen Gebieten der Stadt. Neues Bauland werde praktisch kaum mehr ausgewiesen: versiegelte Böden sind der Schrecken aller Klima- und Umweltschützer.
Die älter gewordenen Gutverdiener setzen sich jetzt kleiner, sagen wir von den bisherigen 400 auf 200 Quadratmetern. Das Heim spielt nicht mehr die ganz große Rolle; man ist ja viel unterwegs (Freunde besuchen, Reisen buchen). Auf der neuen Fläche gibt es feste und flexible Module, die viel über die Soziologie und Psychologie dieser Generation verraten. Pflicht sind zwei getrennte Schlafzimmer mit je eigenem, direkt zugänglichem Bad. Dazwischen das Ankleidezimmer. Pflicht ist ein weiteres Schlafzimmer, abermals mit Bad. Man kann es Kinder- oder Gästezimmer nennen. Es wird aber auch die polnische Pflegerin aufnehmen, sollte das später (oder früher) erforderlich werden. Natürlich gibt es einen offenen Wohn- und Essraum; geschlossene Küchen gelten als altmodisch.
Sauna oder Bibliothek
Kür sind weitere Räume: Die Körperbetonten kriegen ihren Fitnessraum mit angeschlossener Sauna. Die eher intellektuellen Käufer leisten sich eine Bibliothek oder ein Musikzimmer; irgendwo muss der Flügel ja hin. Ist das Budget groß genug, gibt es ein Penthouse mit Dachgarten. Für die Erdgeschosswohnungen bietet sich ein kleiner Kräutergarten an, Erinnerungsposten an das Grundstück von früher. Aufzug versteht sich von selbst – man wird ja nicht jünger.
Das alles, wie gesagt, kostet rund 1,6 Millionen Euro. Die finanzieren sich durch den Verkauf des doppelt so großen Anwesens. Hohe Zinsen und Tilgung, Grund für den derzeitigen Rückgang der Bautätigkeit, sind für diese Generation kein Thema. Sie zahlen den vollen Kaufpreis sozusagen aus der Westentasche. Mit etwas Glück wirft der Verkauf einen Schnaps mehr ab als die 1,6 Millionen Neukosten.
Doch hilft diese das zur Linderung des Wohnungsproblems in Deutschland? Hier kommt der sogenannte Sickereffekt ins Spiel (anderswo auch »Trickle down« genannt). Der geht so: Haushalte, die durch Kauf eine neu gebaute Eigentumswohnung beziehen, machen anderswo ein Haus frei. Dorthin rücken Familien ein, denen mit größeren Kindern und wachsendem Haushalteeinkommen die bisherigen Wohnungen zu klein geworden sind. Sie verbessern ihren »Wohnwert«, ihren sozialen Status und machen ihrerseits Wohnungen frei, in die junge ManagerInnen am Anfang ihres Berufslebens mit ihren kleinen Kindern ziehen. Am Ende der Sickerkette – den Begriff finde ich nicht wirklich glücklich – ziehen ehemalige Studenten in der ersten Berufsphase ein.
So leisten die Reichen etwas, das die Wohnungsbau-Turbos und Booster heutiger und früherer Regierungen nicht vollbracht haben: Eine Ausweitung des Wohnangebots, ohne dass das dafür neues Bauland ausgewiesen und das Bürokratie-Monster gefüttert werden muss.
Bin ich der eigennützigen Ideologie meines Bekannten aufgesessen? Die gesammelte Linke hierzulande würde mir das vorwerfen; die Trickle-Down-Theorie ist seit ihrer Erfindung unter Beschuss. Zu meiner Verteidigung verschanze ich mich hinter einer Studie des ideologisch unverdächtigen wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags über »Sickereffekte im Wohnungsmarkt« aus dem Jahr 2022. Dort wird unter Bezug auf Metastudien zumindest die empirische Plausibilität des Sickereffekts nachgezeichnet. Ob das Wohnen dadurch erschwinglicher wird, bleibt fraglich. Aber niemand würde den Sickereffekt als einzigen oder gar Königsweg der Wohnungsmisere vermarkten wollen.
Rainer Hank
05. August 2025
Ein Lob des Stammtischs
Warum Trinken einen sozialen und ökonomischen Nutzen hat
Als Student habe ich in einem Stuttgarter Weinlokal gearbeitet, anfangs für fünf Mark die Stunde. Beim »Stetter« – es gibt ihn heute noch – konnte man vespern und ein Viertele für 1 Mark 70 trinken. Mittags kamen auch gerne die Angestellten und Beamten aus der Nachbarschaft vorbei. Zum Beispiel die Richter des nahegelegenen Amtsgerichts. Die tranken ihre drei Viertele Trollinger – jeder drei, wohlgemerkt -, um anschließend wieder Recht zu sprechen.
Wenn ich die Geschichte von den Amtsrichtern erzähle, ernte ich ungläubige Verwunderung. Aber so war es, kein Jäger-Latein; meine mitbedienenden Kommilitonen können es bezeugen. Zur Verteidigung der Herren muss man erwähnen, dass der einfache Wein in den Vorklimawandelzeiten der 60er und 70er Jahre 9,5 oder maximal 10 Prozent Alkohol enthielt, keine 14 Prozent wie heute üblich.
Später dann, in meinen journalistischen Anfangsjahren, gehörte Alkohol zum Arbeitsalltag. Irgendjemand hatte immer etwas zu feiern, entweder nach Redaktionsschluss oder schon bei der Konferenz morgens um 11 Uhr 30. Wenn es nichts zu feiern gab, wurde ein Anlass gesucht. Ob der ritualisierte Satz »Früher wurde mehr gesoffen« damals stimmte oder einfach nur die Begründung lieferte, es müsse alsbald eine Flasche geöffnet werden, vermag ich nicht zu sagen. Trinken gehörte zum sozial guten Ton. Sich zu verweigern, verlangte eine große Ich-Stärke.
Abstinenz der Generation Z
Heute ist es (fast schon) umgekehrt. Da sitzen sie nun alle vor ihren Wassergläsern. »Still oder Medium?« ist die einzige Alternative. Statistiken gibt es zuhauf. In Deutschland ist der Prokopfverbrauch von reinem Alkohol – also nur statistisch, niemand trinkt reinen Alkohol – von 15,1 Litern im Jahr 1980 auf unter 10 Liter im Jahr 2021 zurückgegangen. Regelmäßiges Trinken (mindestens einmal in der Woche) unter 18– bis 25–jährigen ist stark rückläufig. Im Jahr 2023 gaben 38,8 Prozent der Männer und 18,2 Prozent der Frauen in der Gruppe der Millennials und Generation Z an, regelmäßig Alkohol zu trinken. Immer noch viel, könnte man sagen, aber deutlich weniger verglichen mit vor zwanzig Jahren: 59 beziehungsweise 27,7 Prozent waren es da.
Selbst in England und in Japan, wo traditionell Saufen nach Dienstschluss zum üblichen Ritual zählt, geht der Alkoholkonsum zurück. Das »Sober Movement« in Großbritannien warnt vor den schädlichen Folgen des Trinkens. Die Pflicht, nach der Arbeit mit den Kollegen zu trinken (»Nomikai«) besteht in Japan schon lang nicht mehr. 2022 hat Japans Regierung sogar eine Kampagne gestartet (»Sake Viva«), um junge Leute dazu zu bringen, mehr Alkohol zu trinken – gesundheitsschädlich, aber fiskalisch nützlich, um rückläufige Steuereinnahmen zu stoppen.
Trendsetter ist wie häufig Kalifornien. Der Gesundheitskult der Silicon-Valley-Milliardäre ist absolut. Elon Musk hat längst schon einen Bann über Alkohol ausgesandt. Von Sam Altman, Chef und Gründer von Open AI (»ChatGPT«), der auf einer Farm im Napa Valley, einer berühmten Weingegend, wohnt, gibt es zumindest das Gerücht, er gönne sich in Ausnahmesituationen ein Gläschen lokalen Wein; Belege dafür habe ich nicht gefunden.
Seit Ernährungspapst Bas Kast (»Warum ich keinen Alkohol mehr trinke«) uns die letzten Hoffnungen auf die kardiologisch positive Wirkung eines Gläschens Rotwein am Abend genommen hat – selbstverständlich »auf Basis neuester Studien« – wagt niemand mehr, eine Lanze für das kontrollierte Trinken oder gar die bacchantische Ausschweifung zu brechen.
Trinker subventionieren die Abstinenzler
Ich auch nicht. Allenfalls die schüchterne Rückfrage darf erlaubt sein, ob ein 90jähriger Asket wirklich ein besseres Leben hatte als ein 85–jähriger Genusstrinker. Ob also die fünf Jahre zusätzlichen Lebens den Verzicht wert waren.
Fragen lässt sich indessen mit dem britischen »Economist« nach den volkswirtschaftlichen und sozialen Kosten der kollektiven Abstinenz – gemäß der utilitaristischen Devise »Wo es einen Nutzen gibt, da gibt es auch einen Schaden«. Beginnen wir mit den Restaurants. Sie verdienen am Ausschank von Bier, Wein, Negroni oder Aperol Spritz deutlich mehr als mit Schnitzel oder einer veganen Bowl. Für eine Halbe Bier vom Fass muss der Wirt der Brauerei zwischen 50 und 80 Cent zahlen. Auf seiner Getränkekarte findet sich das Bier zu einem Preis von 3 Euro 50 bis 5 Euro. Das ist eine Marge von 500 bis 800 Prozent. Finanziell noch dankbarer sind die harten Drinks (Vodka, Gin, Rum, Cocktails): da lässt sich rasch ein Multiplikator von 800 bis 1500 erzielen.
Kurzum: Die Wasser- und Safttrinker in der Bar oder beim Burger-Brater werden von den Bier- und Weintrinkern quersubventioniert; sie sind ökonomisch gesehen Trittbrettfahrer und könnten sich dafür wenigstens bei ihren Süffelfreunden bedanken. Weniger Alkohol ist natürlich auch ein Problem für die Winzer, Brauereien und ihre Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Gut, die sollen dann halt woanders unterkommen, oder sie bleiben, sofern wie beim Fall Bionade aus einer ehemaligen Brauerei eine Saftbude wird. Konversion ist allenthalben angesagt!
Auch das Mitleid mit dem Fiskus hält sich in Grenzen, dem gut zwei Milliarden Alkohol- und Steuereinnahmen entgehen, wenn nur noch Wasser und Sirup getrunken würde. Die Sektsteuer (gut einen Euro pro Flasche Schaumwein) war ohnehin nie als Buße für Trinker gedacht, sondern zur Finanzierung der Kriegsflotte im Ersten Weltkrieg erfunden. Das könnte bald wieder relevant werden.
Gravierender als die fiskalischen und ökonomischen sind die sozialen Kosten der Abstinenz. Alkohol fördert nachweislich den sozialen Zusammenhalt – darin bestand über Jahrhunderte der Nutzen des Stammtisches in der Eckkneipe. Einschlägig ist eine Studie der Universität Oxford (Robert Dunbar & Kollegen) von 2024, wonach zwei »Boys Nächte« pro Woche der sozialen und individuellen Gesundheit der jungen Männer förderlich sind: Sozialer Zusammenhalt entstehe durch sportliche Aktivitäten, das Geplänkel unter Männern – »oder schlicht durch das ein oder andere Bierchen mit Freunden am Freitagabend«. Am Stammtisch würden glücksbringende Endorphine ausgeschüttet, die Resilienz fördern und Stress abbauen. Gut, bei notorischen Trinkern kam es am späteren Abend regelmäßig zu Schlägereien, was bestenfalls zu Aggressionsabbau beitrug, auf lange Sicht aber den sozialen Nutzen in gesellschaftlichen und gesundheitlichen Schaden wendete.
Ich weiß schon: Das harte Kartell der Abstinenzler wird sich durch mein Verhältnismäßigkeitskalkül nicht drausbringen lassen. Güterabwägung ist nicht ihr Ding. Mir geht es lediglich darum, an Harald Juhnkes leichtsinnige Definition des vollkommenen irdischen Glücks zu erinnern: »Keine Termine und leicht einen sitzen.« Nun ja, er ist dann nur 75 Jahre alt geworden, genießt aber seither hoffentlich das vollkommene himmlische Glück.
Rainer Hank
